Programm 2021 – Änderungen vorbehalten

Das vollständige Tagungsprogramm steht Ihnen online ab Dezember 2020 zur Verfügung.


Donnerstag 18 Mrz 2021

10:00 - 13:30 Preconference-Workshops I

Bedürfnisse, Werte, Identität – Entwicklungsbedürfnisse als Thema der Psychotherapie

Martin Sack

Die meisten Patienten haben nicht nur symptomorientierte Behandlungsbedürfnisse, sondern leiden darüber hinaus auch an den Folgen nicht ausreichender Erfahrungen von Bindung, Fürsorge, Wertschätzung und Förderung in der Kindheit. Brachliegende Entwicklungsbedürfnisse sind daher für die Therapieplanung von hoher Bedeutung. Zudem sind erfüllte oder nicht erfüllte Bedürfnisse prägend für die individuelle Orientierung an Werten sowie für das Erleben persönlicher Identität.
Im Workshop wird von praktischen Beispielen ausgehend, der therapeutische Umgang mit brachliegenden Entwicklungsbedürfnissen systematisch und therapieschulenübergreifend vorgestellt. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Konzeption und Umsetzung von Behandlungsmöglichkeiten zur gezielten Förderung defizitärer Entwicklungsbedürfnisse. Das Einbringen von eigenen Fällen und Fragen zur Behandlungspraxis ist ausdrücklich erwünscht.

Literatur:
Sack, Martin: Individualisierte Psychotherapie – Ein methodenübergreifendes Behandlungskonzept. Schattauer, Stuttgart 2019

Do 10:00 - 13:30

Kultur- und kontextsensible Therapie bei traumatisierten Geflüchteten

Barbara Abdallah-Steinkopff

Häufig wird die Therapie bei traumatisierten Geflüchteten als schwierig und komplex beschrieben. Therapeut*innen haben immer wieder den Eindruck, dass die Wertesysteme sowie die Vorstellungen von Krankheit und Heilung so weit auseinanderliegen, dass Therapie oft nicht als das passende Instrumentarium erscheint. In diesem Vortrag werden kontextgeprägte Menschenbilder und subjektive Krankheitskonzepte als mögliche Ursachen für wiederkehrende Missverständnisse beschrieben und eine kultur- und kontextsensible Haltung vorgestellt.

Do 10:00 - 13:30

Digitale Selbstverteidigung in der Therapie-Praxis (Basiswissen)

Claudia Fischer

Haben Sie Ihren Praxis-Computer gut abgesichert? Verschlüsseln Sie Ihre E-Mails an Krankenkassen oder an Klientinnen und Klienten? Wissen Sie, wie was ein Key-Logger ist und wie Sie ihn erkennen? Dürfen Handys mit in den Therapie-Raum?
Digitale Sicherheit ist auch für Therapie-Praxen und in Kliniken ein wichtiges – aber lästiges Thema. Insbesondere Menschen, die mit Gewaltopfern arbeiten, haben aber oft auch schon Erfahrungen mit gezielten Cyber-Angriffen von Täter-Seite machen müssen. Was ist technisch möglich und was nicht?
Dieser Workshop richtet sich ausdrücklich an Menschen, die wenig technisches Vorwissen haben und niedrigschwellig erfahren wollen, wie sie sich schützen können.

Do 10:00 - 13:30

Sexuelle Traumafolgen nach sexueller Gewalt – Symptomatik und Behandlung

Melanie Büttner

Menschen, die in der Vergangenheit sexueller Gewalt ausgesetzt waren, erleben Sexualität oft als belastend. Körperliche Nähe und Berührungen lassen überwältigende Traumaerinnerungen lebendig werden. Angst, Ekel, Ohnmacht, Beschmutzungsgefühle und verstörende Gewaltfantasien drängen sich ins Bewusstsein. Oft ist der Sex schmerzhaft, der Beckenboden verkrampft, die Vagina verengt sich zum Schutz. Dazu kommen dissoziative Beschwerden: Der Körper spürt kaum etwas, der Geist schaltet ab. Nach dem Sex ist mitunter nicht klar, was dabei geschah.
Vielen Betroffenen fällt es außerdem schwer, ihre persönlichen Bedürfnisse zu erspüren und zu äußern. Beim Sex gehen sie weit über ihre Grenzen und machen Dinge mit, die ihnen nicht guttun. Während manche von ihnen körperlicher Intimität deshalb lieber aus dem Weg gehen, haben andere trotzdem immer wieder Sex, weil sie sich menschliche Zuwendung erhoffen und Einsamkeit oder Verlassenwerden vermeiden wollen. Auch Sexsucht ist manchmal ein Thema. Das digitale Zeitalter mit der breiten Verfügbarkeit von Online-Pornographie und -Dating birgt dabei zusätzliche Risiken für die Betroffenen.
Auch die Partner und Partnerinnen von Betroffen sind oft verunsichert, frustriert und verzweifelt. Beziehungskonflikte, Trennungen, Einsamkeit und seelische Krisen sind keine Seltenheit.
Der Workshop vermittelt Grundlagenwissen zu sexuellen Traumafolgestörungen, Know-how für die traumasensible Sexualanamnese und -diagnostik und stellt ein integratives Behandlungskonzept vor, das psycho-, sexual-, körper-, und paartherapeutische Elemente verbindet.

Do 10:00 - 13:30

Begutachtung psychisch reaktiver Traumafolgen im Sozialen Entschädigungsrecht und der gesetzlichen Unfallversicherung – Problemdarstellung aus medizinischer und rechtlicher Sicht

Doris Denis, Claudia Drechsel-Schlund

Häufig ist fest­zustellen, dass klinische GutachterInnen in der Kausalitäts­beurteilung psychisch reaktiver Traumafolgen oft zu extrem gegensätzlichen Ergebnissen gelangen. In der Vergangenheit erfolgten deshalb von medizinischer und rechtlicher Seite Maßnahmen, um die Gutachtenerstellung zu verbessern.
Die DeGPT hat ein zertifiziertes Fortbildungscurriculum verabschiedet, welches psychologische und ärztliche FachkollegInnen in die Lage versetzen soll, klinische Gutachten zu psychisch reaktiven Traumafolgen und ihrer Genese in sozialrechtlichen Verfahren fachkompetent zu erstellen. Die von der DeGPT entwickelten Standards für die schriftliche Gutachtenerstellung sollen dabei eine ausreichend begründete und für Dritte nachvollziehbare Beurteilung garantieren, die in der Praxis nicht immer gegeben ist.
Bei der Begutachtung psychisch reaktiver Traumafolgen sind rechtliche Rahmenbedingungen zu berücksichtigen, nach der aktuellen Rechtsprechung des Bundessozialgerichts insbesondere für die notwendige Objektivierung psychischer Störungen und für die differenzierte Kausalitätsbeurteilung. Rechtliche Anforderungen bestehen zudem für die Formulierung von Unfallfolgen und für die Einschätzung der Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE).
Neben der Darstellung der oben genannten Anforderungen an psychotraumatologische Kausalitätsgutachten sollen in  diesem Workshop die speziellen Probleme aus medizinischer und aus rechtlicher Sicht anhand von Fallbeispielen (gerne auch mitgebrachte Fälle von TeilnehmerInnen)  illustriert und die Anforderungen eines Auftraggebers an ein professionelles Gutachten (Vollständigkeit, Nachvollziehbarkeit und Plausibilität) vermittelt werden.

http://www.degpt.de/curricula/degpt-curriculum-begutachtung.html

Literatur:
Haenel F, Denis D, Freyberger H. Die Begutachtung psychisch reaktiver Traumafolgen im Rahmen des OEG. In: Seidler GH, Freyberger HJ, Maercker A. Handbuch der Psychotraumatologie. Stuttgart 2011; S. 735-745
Trauma & Gewalt - Themenheft „Begutachtungspraxis psychisch reaktiver Traumafolgen“, 8.Jg., Heft 2, Mai 2014
AWMF-Leitlinie „Begutachtung psychischer und psychosomatischer Störungen“, AWMF-Registernummer: 051-029 (Stand 12/2019)
Widder/Gaidzik (Hrsg.): Neurowissenschaftliche Begutachtung. 3. Auflage, Stuttgart: Thieme, 2018
Freytag H, Krahl G, Krahl C, Thomann K-D (Hrsg.): Psychotraumatologische Begutachtung. 1. Auflage, Frankfurt: Referenzverlag, 2011

Do 10:00 - 13:30

14:00 - 17:30 Preconference-Workshops II

Begutachtung psychisch reaktiver Traumafolgen in aufenthaltsrechtlichen Verfahren

Ferdinand Haenel

Im Jahre 2003 gab die Bundesärztekammer „Standards zur Begutachtung psychisch reaktiver Traumafolgen in aufenthaltsrechtlichen Verfahren“ zusammen mit einer entsprechenden gleichnamigen zertifizierten curriculären Fortbildung heraus, welche nun auch von der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie übernommen worden ist.
Im Bereich des Asyl- und Aufenthaltsrechtes geht es bei der klinischen psychotraumatologischen Kausalitätsbegutachtung zum einen um die Frage, ob psychische oder physische Gesundheitsstörungen vorliegen, welche die Angaben der Antragsteller oder Kläger zu ihrem Asylbegehren auf Grundlage von Art. 16a GG oder § 60.1 AufenthG stützen, zum anderen ob vorliegende psychische Gesundheitsstörungen sich im Kontext einer Rückführung tiefgreifend und lebensbedrohlich verschlechtern können, so dass ein dauerhaftes Abschiebehindernis nach § 60.7 oder § 25 AufenthG besteht (Haenel u. Wenk-Ansohn 2004). Auf dem Wege zur Beantwortung dieser Fragen sieht sich der psychiatrisch-psychotherapeutisch ausgebildete Gutachter vier besonderen Hindernissen gegenüber, die er überwinden muss, wenn er an seiner Aufgabe nicht scheitern will. Es sind:

  1. Traumaspezifische Besonderheiten bei der Exploration
  2. Der fehlende Nachweis des Traumas
  3. Die mangelnde Objektivierbarkeit der Symptomatik
  4. Sprachlich und kulturelle Erschwernisse

In diesem Workshop soll auf diese vier Hindernisse näher eingegangen werden und Möglichkeiten ihrer Überwindung aufgezeigt werden.

Literatur: Haenel F: Gutachten und klinische Expertisen in aufenthaltsrechtlichen Verfahren. In: Mayer T, Morina N, Schick M, Schnyder U. (Hrsg): Trauma - Flucht - Asyl: Ein interdisziplinäres Handbuch für Beratung, Betreuung und Behandlung- Bern (2019).- S.229-246

Do 14:00 - 17:30

Teiletherapiemodelle und ihre Nutzung in einer multimethodalen Traumatherapie –Ein klinisch praktischer Workshop

Helmut Rießbeck

Zunächst wird erklärt, was zur Entstehung von Teilemodellen der Persönlichkeit geführt hat, worin sich die wichtigsten dieser Modelle unterscheiden, und welche Prinzipien sie auch gemeinsam haben. Im Mittelpunkt steht das Ego State Konzept, welches sich aus psychodynamischen Ansätzen, hypnotherapeutischen Strategien, und dem Verständnis Trauma bezogener Dissoziation entwickelt hat.
Mit Fallbeispielen und Übungen wird gezeigt, wie sich Anteile charakterisieren lassen, wie die innere Kommunikation erweitert wird, und wie daraus ein Transfer in den Alltag entsteht, damit integrative Schritte ermöglicht werden. Daraus entwickelt sich ein prototypisches Vorgehen für einzelne Therapieschritte, wie auch für den Therapieplan insgesamt. Damit ergeben sich auch spezifische Verbindungen mit Schritten der Traumakonfrontation, aber auch der Übergang zu neuen Bewältigungsmöglichkeiten psychosozialer Konflikte.
Wie bei allen komplexen Therapieansätzen muss dabei reflektiert werden, welche Interventionen riskant sind, Therapien oft hemmen, wie Blockierungen aber auch aufgelöst werden können.
Teilemodelle der Psyche erscheinen spielerisch einfach zu handhaben. Die klinische Praxis zeigt jedoch, dass gerade das Einfache oft so schwer zu machen ist. Ziel des Workshops ist es, die therapeutische Kommunikation mit verschiedenen Mitteln aufzubauen und die therapeutische Beziehung neu zu beleben.

Do 14:00 - 17:30

Umgang mit Betroffenen sexueller Gewalt in Ermittlungs- und Strafverfahren

Stephanie Antor

Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hört seit dem Jahr 2016 Betroffene sexueller Gewalt in Kindheit und Jugend an. Darüber hinaus haben Betroffene die Möglichkeit, schriftliche Berichte an die Kommission zu senden. In ihrem Bilanzbericht aus dem Jahr 2019 (abrufbar unter www.aufarbeitungskommission.de/infothek/publikationen) hat die Kommission als eines der Themen ihrer ersten Laufzeit den Umgang mit Betroffenen in verschiedenen sozialen  und behördlichen Kontexten benannt. In einem eigenen Kapitel, das sich mit Problemen für Betroffene in der Strafjustiz beschäftigt, wird dargelegt, dass Betroffene den persönlichen Umgang mit ihnen in Ermittlungs- und Strafverfahren häufig als unsensibel empfinden. Manche von ihnen haben betont, dass ihnen ein angemessener Umgang geholfen hätte oder hat, das Verfahren unabhängig von dessen Ausgang positiv zu verarbeiten. Ein unsensibles oder uninformiertes Auftreten von Verfahrensbeteiligten führt dagegen zu äußerst negativen Empfindungen bis hin zu erneuten Traumatisierungen. Gleichzeitig findet die Berücksichtigung von Bedürfnissen Betroffener aber ihre Grenzen in den unantastbaren rechtsstaatlichen Prinzipien, beispielsweise der für jeden Angeklagten oder jede Angeklagte bis zu seiner beziehungsweise ihrer rechtskräftigen Verurteilung geltenden Unschuldsvermutung. Hauptziel eines Strafverfahren ist, die individuelle Schuld des Täters oder der Täterin festzustellen.
In dem Workshop soll deshalb in einer offenen Diskussion herausgearbeitet werden, wie ein aus juristischer und psychologischer Sicht angemessener Umgang mit Betroffenen in Ermittlungs- und Strafverfahren aussehen und wie dieser in der Praxis etabliert werden kann.

Do 14:00 - 17:30
25 max

Das Somatische Narrativ – Eine ergänzende Methode zum Einbezug des Körpererlebens in den therapeutischen Prozess

Walter Schurig

Belastendes, traumatisches Erleben ist im Psychischen oft verzerrt, z.B. dissoziiert, und schwer bearbeitbar. Somatisches Erleben ist dagegen oft sehr präsent, mit Erlebnissen und Erfahrungen verknüpft, als Somatisches Narrativ beschreibbar.
Mit asymmetrischen oder lokalen Körperempfindungen stellen sich oft Fragmente belastender Erinnerungen, mit symmetrischen Empfindungen Gefühlszustände, mit raumbezogenem Empfinden bedeutsame Situationen dar. Zur Objektivierung sind auch die Körperkarten von Emotionen (Nummenmaa et al. 2013) äußerst hilfreich.
Mit der Erfahrung unmittelbarer Zusammenhänge erfolgt eine Integration von psychischen, somatischen und situativen Erlebnisinhalten, auch mit sofortigem antidissoziativem Effekt. Es wird oft unmittelbare spontane Evidenz mit „Sinnfindung“ und nachhaltiger Entlastung erreicht. Dies kann nach bisheriger Erfahrung als Effektivitätsmarker der aktuellen Intervention und auch der Methode angesehen werden. Bedeutsame Inhalte führen sich rekursiv auf prägnante elementare Emotionen zurück, mit eindeutigen körperlichen Entsprechungen. Mit Fortschreiten zu elementaren Zusammenhängen, einer „Konvergenz zur Elementarisierung“ werden therapeutisch nutzbare individuelle Grundsituationen oder -konflikte erreicht.
Erlebnisinhalte verknüpfen sich so zu einem zunehmend kohärenten Narrativ der eigenen Geschichte. Damit einhergehende Metaisierung des Erlebens im intersubjektiven dialogischen Reflexionsprozess läßt schließlich eine Klärung, ein Verständnis, "Einsicht", eine Distanzierung und Neuorientierung erreichbar werden.
Im Workshop werden nach einer Einführung in die Thematik Fallbeispiele und praxisnahe Übungen zur Verdeutlichung von systematischer Einsatzfähigkeit und Kompatibilität des methodischen Ansatzes angeboten.

Do 14:00 - 17:30

Gewalt macht kalt und krank. Gewalt, sexuelle Ausbeutung und Misshandlung in Familie, Gesellschaft und Medien – Wer sind die Täter?

Lutz Besser

In dem Vortrag soll es um Entstehungsbedingungen von Gewalttaten, Prävention, verschiedene Tätertypen und Möglichkeiten und Grenzen der Behandlung von physische und sexuelle Gewalt ausübende Täter gehen.
Nicht erst durch die Aufdeckung der erschreckenden Fakten um Kinderpornographie in Münster und Lügde sowie die Missbrauchsskandale in katholischen und anderen Heimeinrichtungen, Vereinen und Institutionen, in denen Abhängigkeitsverhältnisse bestehen, ist bekannt, welches Ausmaß an sogenanntem sexuellen Missbrauch und hinter verschlossenen Türen an häuslicher Gewalt in Deutschland besteht. Die Macht der Täter entspringt der Angst und Scham der Opfer und dem Wegschauen des Umfeldes und nicht selten auch des Helfersystems. Vor diesem Hintergrund können oft jahrelang Misshandlungszyklen unbemerkt fortgesetzt werden. Die Gewöhnung der Gesellschaft an das ungeheure Ausmaß von Gewalt und sexueller Ausbeutung – vor allem von Frauen und Kindern – wird durch den frei verfügbaren medialen Konsum gefördert (Beispiel: Pornographie, Texte der Pornorapper usw.) sowie Deutschland als Bordell-El Dorado Europas. Der Workshop soll dazu beitragen, diese externe und interne Dynamik der Täter besser einschätzen und wahrnehmen zu können und entsprechende Haltungen und Maßnahmen in diesem komplizierten Feld unserer Gesellschaft zu entwickeln. Welche Form der Prävention und welche Konsequenzen müssen Gesellschaft, Politik und Justiz ergreifen, um diesen „Phänomenen“ ein Ende zu bereiten?

Do 14:00 - 17:30

Therapiekonzept bei DIS nach organisierter Ritueller Gewalt

Claudia Fliß

Vorgestellt wird ein Therapiekonzept mit verschiedenen Bausteinen, die in dieser, aber auch in einer veränderten Reihenfolge Bestandteil einer erfolgreichen Traumatherapie mit Betroffenen von organisierter Ritueller Gewalt sein können. Die vorgeschlagenen Bausteine enthalten eine Diagnostik inklusive unspezifischer Symptome, die Klärung des Therapieauftrags, den Kontaktaufbau mit einem aus vielen Persönlichkeiten bestehenden Gegenübers sowie wesentliche Elemente eines Therapieprozesses. Methodisch wird „ins System der Persönlichkeiten hinein“ gearbeitet, bisherige Erkenntnisse aus dem Therapieprozess werden fortlaufend gesammelt und geprüft, die Frage nach fortbestehendem Täterkontakt begleitet den therapeutischen Prozess regelmäßig wiederkehrend. Typische Programme sowie eine Methode zur Deprogrammierung werden vorgestellt. Ein therapeutischer Umgang mit der üblicherweise grundlegend erfolgten und durchgängig wirkenden sexuellen Konditionierung im Zusammenhang mit Ritualen und mit dem Menschenhandel wird vorgeschlagen. Die kaum bis gar nicht bewussten Effekte der lebenslang erfolgten Mind Control werden herausgearbeitet. Eine zunehmende Abwendung von den meistens noch lange andauernden Täterkontakten wird erarbeitet und ein Plan für den endgültigen Ausstieg erstellt. Ein tiefgreifender Trauerprozess und eine Neuorientierung bilden das Ende des therapeutischen Prozesses. Das Ziel ist: endlich frei und lebend!

Do 14:00 - 17:30

18:00 - 20:00 Eröffnung der Tagung

Öffentlicher Abendvortrag

José Brunner

Wir freuen uns, dass wir José Brunner, Professor Emeritus an der Buchmann Fakultät für Rechtswissenschaft und dem Cohn Institut für Wissenschaftsgeschichte und -philosophie der Universität Tel Aviv für den öffentlichen Vortrag gewinnen konnten.

Schrecken, Begehren, Schuld und Scham. Zur moralischen Grammatik der Traumadiagnostik

In der Geschichte der posttraumatischen Störungen konkurrieren zwei Sichtweisen:

  1. Mechanistische Perspektiven fokussieren den Einzelnen; sie erklären posttraumatische Störungen durch ein plötzliches Überfluten des psychischen Apparats mit amoralischen Emotionen wie Schrecken, Furcht und Angst.
  2. Dynamische Ansätze stellen posttraumatische Störungen ins Spannungsfeld zwischenmenschlicher Beziehungen und weiterer gesellschaftlicher Zusammenhänge. Aus dieser Sicht erscheinen sie als Resultat eines Überflusses an moralischen Emotionen, wie Schuld und Scham, Wut und Ekel, oder an Emotionen, die als unmoralisch gelten, wie hemmungsloses Begehren und Eifersucht.

Dieser Vortrag schenkt den verschiedenen Ausprägungen der moralischen Grammatik, die diese beiden grundlegenden Anschauungsweisen mit sich bringen, mehr Aufmerksamkeit als ihnen bisher gewährt wurde. Es wird nicht nur die diskursinterne Bedeutung ihrer unterschiedlichen Formen analysiert, sondern – vor allem – auch die Art in der sie Dialoge mit sozialen Diskursen herstellen, widerspiegeln oder beeinflussen. Hierbei wird die Rolle moralischer Grammatiken vor allem in  Bezug auf drei gesellschaftliche Elemente untersucht: a) traumatisierende Gewaltanwendungen, b) den gesellschaftlichen Status von traumatisierten Menschen und c) staatliche Entscheidungen hinsichtlich ihrer rechtlichen Ansprüche.   

Im Anschluss an den Vortrag laden wir Sie herzlich zu einem Get-together ein.

Do 18:00 - 20:00

Freitag 19 Mrz 2021

9:00 - 10:30 Vorträge

Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen im Verantwortungsbereich der katholischen Kirche – Einige Ergebnisse der MHG-Studie

Harald Dreßing

Sexueller Missbrauch im institutionellen Kontext der katholischen Kirche zeichnet sich hinsichtlich der Täter, der Tatkontexte und der Betroffenen durch einige Besonderheiten aus. Im Vortrag werden diesbezüglich einerseits Ergebnisse aus internationalen Studien zu diesem Thema vorgestellt, z.B. aus der  John-Jay Studie aus den USA,  aus der Untersuchung der Royal Commission in Australien und aus anderen internationalen Studien, die im Rahmen einer systematischen Literaturrecherche bekannt sind. Darüber hinaus werden Ergebnisse der MHG- Studie referiert, die die Thematik des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen im Kontext der 27 Diözesen in Deutschland untersucht hat. Ziel der MHG- Studie war es, den sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Verantwortungsbereich der Deutschen Bischofskonferenz in der Zeitspanne von 1946 bis 2014 zu erfassen und einer wissenschaftlichen Analyse zu unterziehen. Ergebnisse zu folgenden Forschungsfeldern der MHG-Studie werden im Vortrag berichtet:

  1. die zahlenmäßige Abschätzung der Häufigkeit des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz
  2. die Beschreibung und Analyse von Merkmalen der Missbrauchstaten sowie der Beschuldigten- und Betroffenengruppen
  3. die Identifikation und Analyse von Strukturen innerhalb der katholischen Kirche, die das Geschehen möglicherweise begünstigen
Fr 9:00 - 10:30

Staatliches Doping in der DDR – körperliche und seelische Folgen

Jochen Buhrmann

Um eine Vorstellung von der generalstabsmäßig geplanten Dopingpraxis in der DDR zu vermitteln, wird einleitend die Entwicklung und Umsetzung des geheimen Staatsplans 14.25 dargestellt, der Grundlage für das staatliche Doping in der DDR war. Anschließend werden die Ergebnisse eines einzelfallorientierten Überblicks referiert, in dessen Rahmen 57 halbstandardisierte Begutachtungsinterviews mit ehemaligen Kaderathleten ausgewertet wurden. In dieser Population kommen Depression, Posttraumatische Belastungsstörung, Anpassungsstörung sowie anhaltende somatoforme Schmerzstörung signifikant häufiger vor als im Bevölkerungsdurchschnitt. Die Zahl degenerativer Erkrankungen erscheint hoch, ebenso Verletzungen in aktiver Zeit, verletzungsbedingtes Karriereende und Virilisierungserscheinungen bei ehemaligen Kaderathletinnen. Das System Staatliches Dopings in der DDR und die aktuelle Situation vieler Betroffener werden vor dem Hintergrund der Ergebnisse kritisch reflektiert.

Fr 9:00 - 10:30

16:30 - 18:00 Vorträge

Traumajournalismus

Claudia Fischer

"Seit dem Loveparade-Unglück habe ich immer einen schwarzen Blazer im Kofferraum, wenn ich zu Live-Einsätzen fahre", erklärte eine junge Fernsehjournalistin bei einem Seminar zum Thema "Trauma und Journalismus". Sie will nie wieder in die Situation kommen wie 2010, als sie im bunten Sonnenblumen-T-Shirt plötzlich live im Fernsehen über eine Massenpanik mit vielen Toten berichten musste. Einfach, weil sie – eigentlich als Party-Reporterin für WDR Eins Live im Einsatz – mittendrin war, als die Katastrophe passierte. Und die Kameras auch.
Schulungen für Medienschaffende, wie sie über Tod, Katastrophen und menschliches Leid berichten sollen, sind selten. Dabei haben sie nicht nur in Kriegsgebieten, sondern besonders auch im Lokaljournalismus, quasi jeden Tag mit Suiziden, Unfällen, sexualisierter Gewalt und anderen schlimmen Themen zu tun.
Claudia Fischer beschäftigt sich als Medienpädagogin, Lokal- und Fachreporterin mit diesem Thema seit ca. 20 Jahren und richtet ihren Blick auf "die Medien", die Macherinnen und Macher, natürlich auf die Menschen, über die berichtet wird, aber vor allem auch auf das Publikum.

Fr 16:30 - 18:00

Polizistinnen und Polizisten schlägt zunehmend mehr Brutalität entgegen

Jörg Radek

Die anhaltende Gewalt gegen Polizistinnen und Polizisten in der Bundesrepublik hat alarmierende Ausmaße angenommen. Meine Kolleginnen und Kollegen erleben fast täglich Situationen, in denen ihnen unvermittelt Brutalität entgegen schlägt. Durchschnittlich 200 Beamtinnen und Beamte werden täglich Opfer von Gewalt.
Üble Beleidigungen oder körperlicher Widerstand gehören fast zum Dienstalltag. Wenn Beamtinnen und Beamte heutzutage beispielsweise um Ausweise bitten, müssen sie damit rechnen, mit Fäusten geschlagen oder gefährlichen Werkzeugen angegriffen zu werden. Da es auch immer öfter vorkommt, dass Radmuttern privater Fahrzeuge unserer Kolleginnen und Kollegen gelockert werden, ist das Maß übervoll. Was die Angreifer offensichtlich immer noch nicht verstanden haben, ist, dass sich hinter der Uniform Mütter, Väter, Töchter, Söhne, Freunde, Nachbarn, also Menschen verbergen. Menschen, die die schwierige Aufgabe übernommen haben, unseren Rechtsstaat zu schützen.
Das Schüren und Institutionalisieren einer politischen Misstrauenskultur gegen die Polizei wird als Legitimation für Angriffe verstanden und fördert direkt Attacken gegen Polizeibeamtinnen und –beamten.
Nach Angaben des Bundeskriminalamtes (BKA) wurden im vergangenen Jahr 36.126 Fälle von „Widerstand gegen und tätlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte und gleichstehende Personen“ polizeilich registriert, fast 3.000 Fälle mehr als 2018.

Fr 16:30 - 18:00

Samstag 20 Mrz 2021

9:00 - 10:30 Vorträge

"...Ich dachte, das hört nie mehr auf!" - Cybermobbing im Kindes- und Jugendalter - Folgen für die Betroffenen und Möglichkeiten der Prävention und Intervention in der Lebenswelt Schule

Herbert Scheithauer

Cybermobbing ist ein häufig z.B. im Schulkontext diskutiertes Phänomen und geht mit zum Teil erheblichen psychischen Folgen für die Gemobbten - aber auch für die Kinder und Jugendlichen, die andere mobben - einher. Im klinischen Kontext kann bei verschiedenen Störungen im Kindes- und Jugendalter (z.B. Angststörungen, Depression, Schulmüdigkeit, psychosomatische Beschwerden) Cybermobbing eine Rolle spielen, dennoch liegen bisher nur wenige evidenzbasierte Verfahren zur Therapie mit direktem Bezug zum Cybermobbing bzw. generell zum Mobbing in der Schule vor. Auch evidenzbasierte Präventionsmaßnahmen an Schulen, die Cybermobbing entgegenwirken oder bei ersten Problemen mit Cybermobbing sinnvolle Interventionen im Umgang mit dem Phänomen anbieten, sind nach wie vor rar. Im Vortrag wird das Phänomen Cybermobbing, Ausdrucksformen, Folgen, Möglichkeiten des Erkennens von Betroffenen sowie Entstehungsbedingungen auf der individuellen, Gruppen/Schulklassen-, sowie familiären Ebene erläutert und Möglichkeiten der Prävention und Intervention in der Lebenswelt Schule mit dem Programm Medienhelden (Schultze-Krumbholz, Zagroscak, Roosen-Runge & Scheithauer, 2018) vorgestellt. Zudem werden viele Beispiele für Methoden und Materialien aus dem Programm gegeben.

Schultze-Krumbholz, A., Zagroscak, P., Roosen-Runge, A., & Scheithauer, H. (2018). Medienhelden: Unterrichtsmanual zur Förderung von Medienkompetenz und Prävention von Cybermobbing, 2. überarb. Aufl. München: Reinhardt.

Sa 9:00 - 10:30

Aufnahmen von Aussagen in der Therapie: Ein Ausweg aus dem traumatherapeutischen Dilemma?

Jan Christoph Bublitz

Viele Therapeut*innen sind wohlvertraut mit dem traumatherapeutischen Dilemma, in dem sich Patient*innen befinden, solange das traumatisierende Ereignis Gegenstand laufender juristischer Verfahren ist oder solcher künftiger Verfahren werden könnte. Sobald eine Traumatherapie begonnen wurde, kann die Aussage als Zeuge oder Zeugin nicht mehr durch die Aussageanalyse bekräftigt werden, da nicht mehr ausgeschlossen werden kann, dass die Aussage durch suggestive oder verzerrende Einflüsse verfälscht wurde. Das Dilemma zwischen Gesundheit und Glaubhaftigkeit wird häufig dadurch verschärft, dass mangels anderweitiger Beweise ohne die gutachterlich überprüfte Aussage von Patient*innen Angeklagte freigesprochen werden. Zwar wird sich dieses Problem nicht vollends lösen lassen, möglicherweise aber jedenfalls für einige Patient*innen mildern. In diesem Vortrag soll ein aus juristischer Sicht entwickelter Vorschlag vorgestellt und diskutiert werden, und zwar die Anfertigung von Aussagesurrogaten durch Patient*innen im Rahmen der Therapie, ggf. unter Anleitung von Therapeut*innen.

Sa 9:00 - 10:30

16:00 - 16:45 Vorträge

Titel folgt

Martin Grundwald

Abstract folgt

Sa 16:00 - 16:45