Programm 2023

Das vollständige Tagungsprogramm wird Ende 2022 veröffentlicht. Änderungen sind vorbehalten.

Donnerstag 16 Feb 2023

9:15 - 12:45 Preconference-Workshop

Brainwash – Die unterschätzte Gefahr von dauerhafter Nutzung von Computerspielen – Vom Computerspiel zur Spielsucht

Lutz Besser

Aktiv durchgeführte Gewalt-Computerspiele wie Ego-Shooter und ähnliches und ihr Beitrag zur Gefahr, gewalttätig in der Realität zu agieren – vom Spieler zum Täter.
Frei verfügbare Pornographie und Pornospiele – Gefahr für eine gesunde Sexualentwicklung und Enthemmung?
Entsprechend der Erkenntnisse zur Neuroplastizität des Gehirns sind es die Nutzungsbedingungen des Gehirns besonders bei Kindern und Jugendlichen, die dort feste Verknüpfungen, also Strukturen entwickeln, die unser Denken, Fühlen und Handeln mitbestimmen. Wie können wir Kinder und Jugendliche vor einem unkontrollierten Medien-, Spiele-, Pornokonsum schützen? Oder schauen wir solch einer „psychischen Umweltvergiftung“ tatenlos zu?
In dem Workshop sollen anhand anschaulicher Beispiele mit Szenen aus Computerspielen die Gefahren der Verharmlosung deutlich gemacht werden.

Do 9:15 - 12:45

Begutachtung psychisch reaktiver Traumafolgen in aufenthaltsrechtlichen Verfahren

Ferdinand Haenel

Im Bereich des Asyl- und Aufenthaltsrechtes geht es bei der klinischen psychotraumatologischen Kausalitätsbegutachtung zum einen um die Frage, ob psychische oder physische Gesundheitsstörungen vorliegen, welche die Angaben der Antragsteller oder Kläger zu ihrem Asylbegehren auf Grundlage von Art. 16a GG oder § 60.1 AufenthG stützen, zum anderen ob vorliegende psychische Gesundheitsstörungen sich im Kontext einer Rückführung tiefgreifend und lebensbedrohlich verschlechtern können, so dass ein dauerhaftes Abschiebehindernis nach § 60.7 oder § 25 AufenthG besteht (Haenel u. Wenk-Ansohn 2004). Auf dem Wege zur Beantwortung dieser Fragen sieht sich der psychiatrisch-psychotherapeutisch ausgebildete Gutachter vier besonderen Hindernissen gegenüber, die er überwinden muss, wenn er an seiner Aufgabe nicht scheitern will. Es sind:

  1. Traumaspezifische Besonderheiten bei der Exploration
  2. Der fehlende Nachweis des Traumas
  3. Die mangelnde Objektivierbarkeit der Symptomatik
  4. Sprachlich und kulturelle Erschwernisse

In diesem Workshop soll auf diese vier Hindernisse näher eingegangen werden und Möglichkeiten ihrer Überwindung aufgezeigt werden.

Literatur: Haenel F: Gutachten und klinische Expertisen in aufenthaltsrechtlichen Verfahren. In: Mayer T, Morina N, Schick M, Schnyder U. (Hrsg): Trauma - Flucht - Asyl: Ein interdisziplinäres Handbuch für Beratung, Betreuung und Behandlung- Bern (2019).- S.229-246

Do 9:15 - 12:45

Yoga und PTBS

Dietmar Mitzinger, Heidemarie Haller

In diesem Workshop wird Pranayama – eine Atemtechnik des Yoga – als Zusatzintervention in der Therapie von posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) und komplexer PTBS vorgestellt. In der klinischen Studie YOGAPTBS, die an der Universität Duisburg-Essen in der Zeit von November 2017 bis April 2021 durchgeführt worden ist, hat sich gezeigt, dass Pranayama als sinnvolles, sicheres und effektives Mittel in der Therapie von PTBS eingesetzt werden kann. Inhalt des Workshops sind die theoretischen Modelle, die die Wirksamkeit von Pranayama – anhand von netzwerkbasierten biologischen Modellen – aufzeigen, sowie praktische Übungseinheiten, in denen die Pranayamatechniken demonstriert und geübt werden. Hierdurch soll der stabilisierende Effekt auf die Aufmerksamkeit erklärt und erfahren werden. Das Ziel dieses Workshops ist es, einen ersten Einblick in Pranayama und dessen Vermittlung an PatientenInnen mit PTBS zu erlangen.  Zusätzlich soll ein Raum dafür angeboten werden, welche Herausforderungen sich bei der Durchführung von Pranayama insbesondere bei PatientenInnen mit komplexer PDBS ergeben können und wie man diese durch Zusatzübungen auffangen kann. Dadurch soll die Breite des körpertherapeutischen Ansatzes des Yoga dargestellt und gleichzeitig ein Verständnis dafür erzeugt werden, welche Rollen Muskeln Faszien und Organe in der Anwendung von Pranayama und in der Ausprägung von PTBS spielen können und wie darauf eingegangen werden kann.

Do 9:15 - 12:45
40 max

Somatisches Narrativ SN – Somatisch Narrative Therapie SNT, Therapeutisch additives „Plug in“ und generell kompatible Methode

Walter Schurig

Jegliches Erleben hat eine psychische und eine somatische Dimension, das Psychische ist nicht isoliert. Die topographische Verteilung von Körperempfindungen korrespondiert zu basalen Emotionen sogar eineindeutig.
Belastendes, traumatisches Erleben ist nun aber im Psychischen wie im Körperlichen inkohärent, verzerrt, z.B. dissoziiert, schwer bearbeitbar. Somatisches Erleben ist dagegen oft sehr präsent. Im therapeutischen Prozess ist es zunehmend kohärent mit Emotionen und Erfahrungen verknüpfbar, als Somatisches Narrativ beschreibbar. 
Mit asymmetrischen oder lokalen Körperempfindungen stellen sich oft Fragmente belastender Erinnerungen, mit symmetrischen Empfindungen Gefühlszustände, mit raumbezogenem Empfinden bedeutsame Situationen dar.
Bedeutsame somatische Erlebensinhalte führen sich rekursiv auf prägnante elementare Emotionen zurück, mit eindeutigen körperlichen Entsprechungen. Es erfolgt eine emotionale Integration von psychischen, somatischen und situativen Erlebensinhalten, mit deutlichem antidissoziativem Effekt. Oft wird unmittelbare spontane Evidenz mit nachhaltiger Entlastung erreicht, quantifizierbar als Maß für die Effektivität der Intervention und der Methode.
Zuvor disparate Erlebensinhalte verknüpfen sich so im therapeutischen Prozess zu einem kohärenten Narrativ der eigenen Geschichte. Damit einhergehende Reflexion in einer „Metaisierung des Erlebens“ läßt eine Klärung, ein Verständnis der eigenen Geschichte, eine Distanzierung und Neuorientierung erreichbar werden.
Im Workshop werden nach einer Einführung in die Thematik Fallbeispiele und praxisnahe Übungen zur Verdeutlichung von systematischer Einsatzfähigkeit und Kompatibilität des methodischen Ansatzes angeboten.

Do 9:15 - 12:45

Eine neue Perspektive für Komplextraumatisierte Patienten – Die frühe Erfassung von Komplextrauma mit minimierter Traumaexposition

A. Janner Steffan

Komplextraumatisierte Patienten leben mit einer «Sisyphus-Dynamik», einem immer wieder zu erneuernden Bemühen, ihren instabilen Zustand zu stabilisieren. Sie erleben das Heute subjektiv, häufig auch objektiv, in einer mobilen bzw. immobilen Verteidigungsposition ohne Zugang zu der Regulation durch den Ventralen Vagus (Porges, 2014).  Die heutigen Symptome und adaptiven, häufig selbstschädigenden Strategien stellen die optimale Sicherheit dar, die ihr Organismus aufbauen konnte, um zu überleben. In diesem Kontext ist Therapie eine Herausforderung, sowohl Chance wie Bedrohung, da die neue geheilte Struktur noch in der Zukunft liegt, während die Auseinandersetzung mit dem «Wer ich bin» schon beginnt. Häufig führt dies zu einer Anfangsverschlechterung mit einer Verstärkung defensiven Verhaltens, z.B. Erhöhung von Dissoziation, Zwangs- und Suchtverhalten oder Verstärkung der Erstarrung oder Hypererregung.
Dieser Workshop stellt einen neuen strukturierten Ansatz vor, um den Traumatisierungsgrad und die Charakteristika der Überlebensstruktur schnell zu bestimmen und zu kartografieren, in Anlehnung an die «Karte des Selbst»» (Siegel, 1999), verbunden mit einer deutlich verminderten Destabilisierung des Patienten. Im Vordergrund steht die kontinuierliche Einstimmung auf den psychobiologischen Zustand des Patienten, um das Trauma-gebremste System in Fluss zu kitzeln. Durch diesen Ansatz wird die initiale Verschlechterung bzw. Aktivierung vermieden und der Patient erlebt ein verstärktes Gefühl von Sicherheit (Porges, 2021).
Dieser Ansatz wird seit mehreren Jahren mit Erfolg u.a. in Lifespan Integration® Therapie (Janner Steffan, 2016, 2017 u. 2019 und Tift® (Trauma Integrating Flow Therapy, Janner 2022) angewandt.

Inhalt des Workshops:

  • Eine theoretische Einführung über die Integrationsdynamik komplexer lebender Systeme
  • Praktische Tools: eine Assessment Karte mit Bestimmung der wichtigsten Überlebensstrukturen
  • Praktische Fallbeispiele
  • Anwendung in Kleingruppen
  • Video-Beispiele

Do 9:15 - 12:45
30 max

Mobbing: Ist ein Reset auf Körperebene möglich?

Karin Wild

Mobbing verändert das Verhältnis zum Körper. Psychosomatische Symptome wie Schlaflosigkeit und Gelenk- oder Muskelschmerzen treten häufig schon kurz nach dem Einsetzen der feindlichen Attacken auf (Leymann, 2013). Das Nervensystem reagiert und aktiviert Kampf- und Fluchtimpulse, was zu heftigen Reaktionen der Betroffenen führt (Porges, 2017). Der Pionier der Mobbingforschung, Heinz Leymann, betont, dass die Verteidigung umso primitiver wird, je grösser die Angstentwicklung ausfällt. Es beginnt ein Teufelskreis, weil das Verteidigungsverhalten der Betroffenen nicht selten als Bestätigung dafür gesehen wird, dass sie sozial unangenehm, ja untragbar sind.
Im Workshop befassen wir uns damit, wie die aktivierten Kampf- und Fluchtimpulse erkannt und entlastet werden können. Basierend auf den Erkenntnissen von Porges werden Möglichkeiten vermittelt, wie sich das von ihm benannte «Social Engagement System» und damit verträglichere Reaktionen aktivieren lassen. Die Resonanz-Theorie von Rosa und der Umgang mit Verbitterungsstörungen nach Linden bilden weitere Grundpfeiler für die Wahl körperorientierter Interventionen (Rosa, 2016, Linden, 2017).
Ziel ist es, Teilnehmenden des Workshops Wege aufzuzeigen, wie kognitive Endlosschleifen nach Mobbingerfahrungen wirkungsvoll durch Ressourcenaktivierung auf Körperebene unterbrochen werden können. Ein weiteres Augenmerk gilt Anleitungen für  Betroffene für Erfahrungen von Kontrolle und Selbstwirksamkeit.

Literatur:
Leymann H. (2013). Mobbing, Psychoterror am Arbeitsplatz und wie man sich dagegen wehren kann. Reinbeck bei Hamburg: Rowolt
Porges St. W. (2017). Die Polyvagal-Theorie und die Suche nach Sicherheit. Traumabehandlung, soziales Engagement und Bindung. Lichtenau: G.P. Probst
Rosa H. (2016). Resonanz, eine Soziologie der Weltbeziehungen. Berlin. Suhrkamp
Linden M. (2017). Verbitterung und Posttraumatische Verbitterungsstörung. Göttingen, Hogrefe

Do 9:15 - 12:45
25 max

10:00 - 17:00 Paper in a day - Workshop

Paper in a day – Workshop der Zeitschrift Trauma und Gewalt für Nachwuchswissenschaftler:innen

Ingo Schäfer, Heide Glaesmer

20.01.2023 – Obligatorisches Vorbereitungstreffen (online), 15-17 Uhr
16.02.2023 – kostenfreier Workshop vor Ort, 10-17 Uhr

In frühen Phasen ihrer wissenschaftlichen Karriere ist es für angehende Forscher:innen besonders wichtig, Routine im Schreiben von wissenschaftlichen Artikeln zu entwickeln. Auch das Knüpfen von Kontakten und der Austausch mit Kolleg:innen spielt eine wichtige Rolle. In diesem von der Zeitschrift „Trauma und Gewalt“ ausgerichteten Workshop haben Nachwuchswissenschaftler:innen die Gelegenheit an einem konkreten Manuskript mitzuwirken, das später in „Trauma und Gewalt“ publiziert werden soll, sowie Kontakte zu knüpfen und zu erweitern und eine Basis für weitere Kooperationen zu legen. Im Workshop soll unter Betreuung der beiden Leiter*innen ein Manuskript vorbereitet und geschrieben werden. Der Schreibprozess wird über den Workshop hinaus begleitet. Zielgruppe sind Kolleg:innen, die sich in frühen Phasen ihrer Karriere befinden (z.B. Masterand:innen und Doktorand:innen). Von den Teilnehmenden wird Folgendes erwartet:

  • Teilnahme am Vorbereitungstreffen (online) am 20.01.2022
  • Vollständige Anwesenheit am Workshop
  • Teilnahme an zwei Videokonferenzen in den folgenden Monaten
  • Erledigung von spezifischen Aufgaben nach jeder der drei Konferenzen
  • Beteiligung an der Finalisierung des entstehenden Manuskripts.

Do 10:00 - 17:00

14:00 - 17:30 Preconference-Workshop

Wenn das Trauma mit am Küchentisch sitzt

Jochen Binder, Christina Kohli

Wenn Kinder oder Erwachsene traumatisiert wurden, hat dies nicht nur auf das Leben des Einzelnen massive Auswirkungen, sondern das Familiensystem als Ganzes steht oft vor grossen Herausforderungen und Belastungen. Auch nicht traumatisierte Familienmitglieder leiden oft unter den Symptomen und Folgen. Teilweise begegnen wir Familien, in denen Kinder und Eltern traumatisiert sind. Im Praxisalltag erleben wir leider zu oft, dass in den Einzeltherapien die systemische Ebene zu wenig gesehen wird. Durch die Trennung von Kinder-/Jugendtherapie und Erwachsenentherapie ergeben sich Hindernisse in der Zusammenarbeit. Uns stehen heute gut fundierte und wirksame Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung, die jedoch zu selten eine Verknüpfung vom Einzelnen zur Familie herstellen. Wir wollen im Workshop diese Lücke schliessen und den Teilnehmenden die Möglichkeit geben, den Blick auf das ganze Familiensystem und dessen Behandlungsmöglichkeiten zu richten. Dabei werden wirksame Therapieoptionen, Interventionsmöglichkeiten und wichtige Zusammenhänge, die im Therapiealltag gut umsetzbar sind, vorgestellt. 

Do 14:00 - 17:30
20 max

Brainwash – Die unterschätzte Gefahr von dauerhafter Nutzung von Computerspielen – Vom Computerspiel zur Spielsucht

Lutz Besser

Aktiv durchgeführte Gewalt-Computerspiele wie Ego-Shooter und ähnliches und ihr Beitrag zur Gefahr, gewalttätig in der Realität zu agieren – vom Spieler zum Täter.
Frei verfügbare Pornographie und Pornospiele – Gefahr für eine gesunde Sexualentwicklung und Enthemmung?
Entsprechend der Erkenntnisse zur Neuroplastizität des Gehirns sind es die Nutzungsbedingungen des Gehirns besonders bei Kindern und Jugendlichen, die dort feste Verknüpfungen, also Strukturen entwickeln, die unser Denken, Fühlen und Handeln mitbestimmen. Wie können wir Kinder und Jugendliche vor einem unkontrollierten Medien-, Spiele-, Pornokonsum schützen? Oder schauen wir solch einer „psychischen Umweltvergiftung“ tatenlos zu?
In dem Workshop sollen anhand anschaulicher Beispiele mit Szenen aus Computerspielen die Gefahren der Verharmlosung deutlich gemacht werden.

Do 14:00 - 17:30

Begutachtung psychisch reaktiver Traumafolgen im Sozialen Entschädigungsrecht und der gesetzlichen Unfallversicherung, Gutachtenstandards der DeGPT

Doris Denis, Ferdinand Haenel

Häufig ist fest­zustellen, dass klinische GutachterInnen in der Kausalitäts­beurteilung psychisch reaktiver Traumafolgen oft zu extrem gegensätzlichen Ergebnissen gelangen. Neben symptombedingter Behinderung der Exploration und besonderen Beziehungsaspekten, die die Objektivität der gutach­terlichen Beurteilung beein­trächtigen können, sind es eine Vielzahl möglicher komor­bider Störungen, die psychisch reaktive Traumafolgen überlagern und so zu Fehlbeurteilungen bei der Begutach­tung führen kön­nen. Eine schädigungsunabhängige psychische Vor­erkrankung macht die Beurteilung vollends schwierig.
Aus diesem Grund hat die DeGPT vor 6 Jahren ein zertifiziertes Fortbildungscurriculum verabschiedet, welches psychologische und ärztliche FachkollegInnen in die Lage versetzen soll, klinische Gutachten zu psychisch reaktiven Traumafolgen und ihrer Genese in sozialrechtlichen Verfahren fachkompetent zu erstellen. Die von der DeGPT entwickelten Standards für die schriftliche Gutachtenerstellung sollen dabei eine ausreichend begründete und für Dritte nachvollziehbare Beurteilung garantieren, die in der Praxis nicht immer gegeben ist.
In diesem Workshop sollen die speziellen Probleme anhand von Fallbeispielen (gerne auch mitgebrachte Fälle von TeilnehmerInnen)  illustriert, die Standards der DeGPT  zur Gutachtenerstellung der DeGPT erläutert und auf Besonderheiten bei der Exploration und Beurteilung hingewiesen werden.

 http://www.degpt.de/curricula/degpt-curriculum-begutachtung.html

 Literatur:
Haenel F, Denis D, Freyberger H. Die Begutachtung psychisch reaktiver Traumafolgen im Rahmen des OEG. In: Seidler GH, Freyberger HJ, Maercker A. Handbuch der Psychotraumatologie. Stuttgart 2011; S. 735-745
G. Flatten, E. Ebbinghaus (Hrsg): Themenhefte „Begutachtungspraxis psychisch reaktiver Traumafolgen“, Trauma & Gewalt, 8.Jg., Heft 2, Mai 2014 sowie 10.Jg., Heft 2, Mai 2016
D. Denis, F. Haenel (Hrsg) Trauma & Gewalt - Themenheft „Begutachtung psychisch reaktiver Traumafolgen - Soziales Entschädigungsrecht, gesetzliche Unfallversicherung, Aufenthaltsrecht“, 15.Jg., Heft 2, Mai 2021.

Do 14:00 - 17:30

Behandlung der Komplexen PTBS: Das Therapieprogramm „STAIR/NT“

Janine Borowski, Ingo Schäfer

Personen, die in ihrer Kindheit sexuellen Missbrauch oder Misshandlung erlebt haben, leiden oft nicht nur unter Symptomen der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), sondern auch unter weiteren Beeinträchtigungen, etwa einer eingeschränkten Affektregulation, Schwierigkeiten in interpersonellen Beziehungen und einem negativen Selbstbild. Gerade diese zusätzlichen Symptombereiche, die inzwischen als typische Beschwerden im Rahmen einer „Komplexen PTBS“ interpretiert werden, tragen maßgeblich zu den Alltagseinschränkungen Betroffener bei. Bei „STAIR/Narrative Therapie“ handelt es sich um einen Behandlungsansatz, der genau diese Bereiche systematisch berücksichtigt und zusätzlich zur Reduktion der PTBS-Symptomatik eine flexible Behandlung von Defiziten der Emotionsregulation und der interpersonellen Kompetenzen bei traumatisierten Personen erlaubt. Das Therapieprogramm integriert in einem phasenorientierten Vorgehen wirksame Interventionen zur Behandlung komplexer Traumafolgestörungen und wird in den neuen Behandlungsleitlinien als eines der Standardverfahren empfohlen. Im Workshop wird ein Überblick über das Therapieprogramm gegeben sowie auf seinen Einsatz im Einzel- wie im Gruppensetting eingegangen. Neben der theoretischen Einführung wird es eine Reihe von praktischen Übungen geben.

Literatur
Cloitre M, Cohen LR, Koenen KC (2013) Sexueller Missbrauch und Misshandlung in der Kindheit. Ein Therapieprogramm zur Behandlung komplexer Traumafolgen. Göttingen: Hogrefe-Verlag.

Do 14:00 - 17:30
40 max

Mobbing: Ist ein Reset auf Körperebene möglich?

Karin Wild

Mobbing verändert das Verhältnis zum Körper. Psychosomatische Symptome wie Schlaflosigkeit und Gelenk- oder Muskelschmerzen treten häufig schon kurz nach dem Einsetzen der feindlichen Attacken auf (Leymann, 2013). Das Nervensystem reagiert und aktiviert Kampf- und Fluchtimpulse, was zu heftigen Reaktionen der Betroffenen führt (Porges, 2017). Der Pionier der Mobbingforschung, Heinz Leymann, betont, dass die Verteidigung umso primitiver wird, je grösser die Angstentwicklung ausfällt. Es beginnt ein Teufelskreis, weil das Verteidigungsverhalten der Betroffenen nicht selten als Bestätigung dafür gesehen wird, dass sie sozial unangenehm, ja untragbar sind.
Im Workshop befassen wir uns damit, wie die aktivierten Kampf- und Fluchtimpulse erkannt und entlastet werden können. Basierend auf den Erkenntnissen von Porges werden Möglichkeiten vermittelt, wie sich das von ihm benannte «Social Engagement System» und damit verträglichere Reaktionen aktivieren lassen. Die Resonanz-Theorie von Rosa und der Umgang mit Verbitterungsstörungen nach Linden bilden weitere Grundpfeiler für die Wahl körperorientierter Interventionen (Rosa, 2016, Linden, 2017).
Ziel ist es, Teilnehmenden des Workshops Wege aufzuzeigen, wie kognitive Endlosschleifen nach Mobbingerfahrungen wirkungsvoll durch Ressourcenaktivierung auf Körperebene unterbrochen werden können. Ein weiteres Augenmerk gilt Anleitungen für  Betroffene für Erfahrungen von Kontrolle und Selbstwirksamkeit.

Literatur:
Leymann H. (2013). Mobbing, Psychoterror am Arbeitsplatz und wie man sich dagegen wehren kann. Reinbeck bei Hamburg: Rowolt
Porges St. W. (2017). Die Polyvagal-Theorie und die Suche nach Sicherheit. Traumabehandlung, soziales Engagement und Bindung. Lichtenau: G.P. Probst
Rosa H. (2016). Resonanz, eine Soziologie der Weltbeziehungen. Berlin. Suhrkamp
Linden M. (2017). Verbitterung und Posttraumatische Verbitterungsstörung. Göttingen, Hogrefe

Do 14:00 - 17:30
25 max

Arbeit mit Vernachlässigenden und misshandelnden Eltern – Wirksame Interventionen aus der Multisystemischen Therapie-Kinderschutz (MST-CAN)

Andreas Ritter, Daniela Jordi, Livia Voneschen, Marc Schmid

Im Rahmen dieses Workshops werden die zentralen Konzepte der aufsuchend arbeitenden Multisystemischen Therapie und deren Adaptation für Familien mit besonders hohem Misshandlungs- und Vernachlässigungsrisiko praxisnah vorgestellt. Die einzelnen Bausteine der manualisierten Behandlung und die Rahmenbedingungen von MST werden nur kurz präsentiert, um sich im Folgenden auf jene Interventionen zu fokussieren, die auch in anderen Behandlungssettings effektiv und effizient angewendet werden können. Besonders wichtig ist es eine „MST-Haltung“ dem gefährdenden Elternverhalten gegenüber zu vermitteln. Diese zielt darauf ab eine herausfordernde Balance zwischen emotionaler Validierung, Verständnis und Konfrontation und gleichzeitigem Einfordern von Verantwortungsbernahme zu halten. Gleichzeitig Veränderungsmotivation, Sicherheit, Vertrauen aufzubauen und die Ressourcen im Umfeld der Familie zu fördern.
Auf drei Interventionen, die sich besonders bewährt haben, wird vertieft eingegangen der „Fit", der „Safety-Plan“ und der „Abuse Clarification Process“. Im Rahmen der MST-CAN Behandlung bilden einfache, aber elaborierte mit der Familie erarbeitete Sicherheitsplänen die Basis für die ganze Behandlung. Der Kern der MST-Can Behandlung ist der sogenannte „Fit“ ein Raster um Problemverhalten multisystemisches zu verstehen. Auch das vernachlässigende Verhalten der Eltern wird mit dieser Methode reflektiert. Der „Abuse Clarification Process (ACP)“ ist die Krönung jeder erfolgreichen MST-CAN-Behandlung.  Im ACP wird mit den Eltern ein Brief mit einem Narrativ bezüglich der Misshandlung erarbeitet, welches die Verantwortungsübernahme durch die Elternteile, die Perspektivenübernahme (wie hat das Kind sich in dieser Situation gefühlt), eine aufrichtige Entschuldigung sowie einem Ausblick (wie lassen sich solche Situationen zukünftig sicher vermeiden) umfasst. Dieser Brief wird in einem emotionalen Prozess den Kindern vorgelesen. Alle Interventionen werden im Workshop direkt angewendet werden oder anhand von anschaulichen Praxisbeispielen vorgestellt.

Do 14:00 - 17:30
20 max

18:00 - 19:30 Tagungseröffnung, Öffentlicher Vortrag

Öffentlicher Abendvortrag

Elgar Fleisch

Wir freuen uns, dass wir Prof. Dr. Elgar Fleisch, Professor für Informations- und Technologiemanagement an der ETH Zürich und der Universität St. Gallen für den öffentlichen Vortrag gewinnen konnten. Er wird einen Vortrag zu seinem Buch Die Digitale Pille halten.

 

Die Digitale Pille

Der medizinische Fortschritt ist wohl eine der grössten Erfolgsgeschichten der Menschheit. Dank Impfstoffen, Antibiotika, der Chirurgie und vielem mehr hat sich unsere Lebenserwartung in den letzten 100 Jahren verdoppelt. Doch gleichzeitig nehmen die chronischen Krankheiten rund um den Erdball überhand. Sie bringen nicht nur unendlich viel Leid – die Lebensjahre, die wir mit Behinderungen verbringen, nehmen rasant zu – sondern führen auch unsere Gesundheitssysteme an ihre Grenzen. Im Schnitt verantworten chronische Krankheiten heute ca. 85 % unserer Gesundheitskosten, auch weil unsere Gesundheitssysteme bei ihrem Aufbau auf akute Krankheiten ausgelegt wurden und nicht auf schleichende und lange andauernde Krankheitsbilder oder gar auf die Prävention derselben.
Der Vortrag zeigt, wie sich in diesem Kontext die Wirkung des digitalen Gesundheitswesens entfaltet. Anhand von zahlreichen Praxisbeispielen aus der ganzen Welt führt er in die unterschiedlichen Muster der digitalen Medizin ein und leitet Thesen zu deren Evolution ab. Zu den vorgestellten Mustergruppen zählen die Do it yourself-Medizin mit all ihren zum Teil überraschenden Erscheinungsformen, die sich digital stark weiterentwickelnde Arzt-Patientenbeziehung, die digitalen Therapien und die digital gestützte Medikamentenentwicklung von der Wirkstoffidentifikation bis hin zu klinischen Studien. Spätestens beim letzten Muster wird klar, warum Datenspenden das neue Blutspenden ist.
Im Ausblick geht Prof. Fleisch der Frage nach, warum wir unsere Autos nahezu perfekt und präventiv warten, Körper und Geist jedoch kaum, und skizziert einen möglichen digital unterstützten Entwicklungspfad in Richtung «Healthy Longevity».

Do 18:00 - 19:30

Freitag 17 Feb 2023

9:00 - 10:30 Vorträge, Keynote Speaker

Stress und Belastungen bei Jugendlichen in der digitalen Welt

Daniel Süss

Jugendliche nutzen digitale Welten als erweiterte Handlungsräume, um Entwicklungsaufgaben zu bewältigen und ihren Alltag zu bereichern. Dabei gehen sie aber auch Risiken ein, welche zu Stress und Belastungen führen können. Soziale Netzwerke beispielsweise werden zur visuellen Biografiearbeit (Kramer, 2020) genutzt, d.h. neue Identitätsentwürfe werden erprobt. Sie führen aber auch zu selbstwertgefährdenden sozialen Vergleichen, unrealistischen Schönheitsidealen, Essstörungen und Verhaltenssucht. Influencer:innen prägen einseitige Genderrollenbilder, und Pornographie führt zu sexuellen Skripts, welche die Sozialisation der Jugendlichen ungünstig beeinflussen (Götz & Becker, 2019). Erotische Selbstinszenierungen in Selfies und TikTok-Videos können Ausgangspunkt für Cybermobbing und Sextortion werden. Gerade während der Corona-Pandemie hat die Nutzung digitaler Medien nochmals stark zugenommen und damit auch Erfahrungen von sexueller Belästigung online. Eine Erklärung dafür ist der Online Disinhibition Effect (Suler, 2004). Die Angst, etwas zu verpassen, wenn man nicht online ist, führt zu einem Druck zu permanenter Verfügbarkeit und zu Erschöpfung bei Jugendlichen. Schlafmangel wegen exzessiver Onlinezeiten kann vielfältige negative Folgen im Alltag der Jugendlichen nach sich ziehen. Sie entwickeln zwar selbst Strategien, um den Druck und dessen Folgen zu reduzieren, aber sie brauchen die Begleitung durch Peer Education und Erwachsene, um sich sicher in digitalen Welten zu bewegen und bei belastenden Erfahrungen rasch Hilfe zu erhalten. Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, soziale Konstellationen und Situationen können belastende Medienerfahrungen und Gesundheitsrisiken begünstigen (Bernath et al., 2020). Präventive Ansätze verbinden Medienkompetenzförderung mit der Förderung von Charakterstärken und sozialen Kompetenzen.

Fr 9:00 - 10:30

Current State of Advancing Treatment for PTSD

Richard Bryant

Trauma-focused psychotherapies are the treatment of choice for PTSD. Despite this, nearly one-half of PTSD patients do not respond to these treatments. This situation has not changed over several decades. This keynote will provide an overview of the current knowledge of how effective trauma-focused therapies are, and critique attempts to improve treatment response. Many of these attempts have involved pharmacological augmentations of psychotherapy, although these have been largely unsuccessful. This keynote will outline some alternative promising approaches to augmenting treatment using behavioural strategies and digital tools. It will also overview recent work on understanding predictors of treatment response for trauma-focused psychotherapies, and highlight that there are multiple factors that can influence treatment outcome. This conclusion points to the potential for more targeted and flexible approaches that address specific needs of patients rather than a ‘one size fits all’ approach.

Fr 9:00 - 10:30

11:00 - 12:30 Symposien 1

Keine Workshops in dieser Sitzung.

13:30 - 14:10 Preisverleihung und Preisvorträge

Keine Workshops in dieser Sitzung.

14:30 - 16:00 Symposien 2

Keine Workshops in dieser Sitzung.

16:30 - 18:00 Vorträge, Keynote Speaker

Machine Learning and the Digital Measurement of Psychological Health

Isaac Galatzer-Levy

Since its inception, the discipline of psychology has utilized empirical epistemology and mathematical methodologies to infer psychological functioning from direct observation. As new challenges and technological opportunities emerge, scientists are once again defining measurement paradigms for psychological health and illness to solve novel problems and capitalize on new technological opportunities. The current keynote discuss the theoretical foundations and scientific advances in remote sensor technology and machine learning models as they are applied to quantify psychological functioning and draw clinical inferences. We will present examples across different disorders and risk profiles including posttraumatic stress, depression, and suicide risk.

 

Fr 16:30 - 18:00

Von Innovation zur Implementierung – Zwanzig Jahre digitale PTBS-Interventionen

Christine Knaevelsrud

Die ersten Publikationen zu internetbasierten Behandlungsmöglichkeiten der Posttraumatischen Belastungsstörung erschienen Ende der 1990er Jahre. Neben den allgemeinen Vorteilen internet- und mobilbasierter Interventionen (IMIs), wie der geografischen und zeitlichen Unabhängigkeit, erleichtert insbesondere die visuelle Anonymität Patienten mit PTBS aufgrund häufig ausgeprägter Scham- und Schuldgefühle den Zugang zu psychotherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten. Im Rahmen des Vortrages wird ein Überblick über das Behandlungsspektrum und den aktuellen Stand der Wirksamkeit von IMIs zur Behandlung der PTBS gegeben. Es wird auf Indikationen und Kontraindikationen bzw. Nebenwirkungen eingegangen sowie die Bedeutung der therapeutischen Beziehung thematisiert. Ein besonderer Fokus soll auf Behandlungsmöglichkeiten von sogenannten „hard-to-reach-groups“ wie z.B. Menschen in Krisenregionen liegen. Der Vortrag endet mit einem Überblick zur Versorgung und der Frage, inwieweit digitale Interventionsmöglichkeiten im Versorgungsalltag bereits angekommen sind.

Fr 16:30 - 18:00

18:15 - 19:30 DeGPT-Mitgliederversammlung

DeGPT-Mitgliederversammlung

18.15 Uhr
DeGPT-Mitgliederversammlung 

Fr 18:15 - 19:30

Samstag 18 Feb 2023

9:00 - 10:30 Vorträge, Keynote Speaker

Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung mit Imagery Rescripting

Regina Steil

Imagery Recripting ist eine traumafokussierte Psychotherapie der Posttraumatischen Belastungsstörung, die ohne formale Konfrontation mit den traumatischen Erinnerungen auskommt. Nach einer Psychoedukation über die PTBS und die Behandlungsmethode und einem optionalen Training der Patienten in der Bewältigung starker negativer Emotionen und der Reduktion von Dissoziation werden die Patienten gebeten, in Bezug auf belastende Traumaerinnerungen jeweils in der Vorstellung an den Punkt zu gehen, an dem sie wissen, dass das Schlimmste nun passieren wird. Die Patienten erhalten dann die Möglichkeit, das Geschehene so zu verändern, dass sich ein anderer, weniger belastender Ausgang ergibt und in der damaligen Situation vorhandene Bedürfnisse nach Sicherheit, Kontrolle, Trost und Schutz in der Vorstellung gestillt werden. Der Therapeut kann in der Vorstellung in die Szene eintreten um den Patienten zu schützen und die Täter zu konfrontieren, oder der erwachsene Patient kann sich selbst als Kind zur Hilfe kommen. Für Imagery Rescripting liegen seit kurzer Zeit exzellente empirische Befunde für die Wirksamkeit vor. Die Intervention wird idiosynkratisch an den jeweiligen Patienten angepasst und eignet sich daher sehr gut dafür, kulturelle oder sonstige Besonderheiten in der Behandlung zu berücksichtigen. Am Beispiel der Behandlung von Menschen, die vor Krieg, Bürgerkrieg und Verfolgung geflohen sind, wird die Vorgehensweise dargestellt, eine Überblick über Befunde zur Wirksamkeit wird gegeben. 

Sa 9:00 - 10:30

Titel folgt

Suzy Matthijssen

Abstract folgt

Sa 9:00 - 10:30

11:00 - 12:30 Symposien 3 / Workshops / Vorträge

Workshop: Methoden zur bindungsfokussierten Fallsupervision für traumatisierte Kinder, Jugendliche wie auch belastete Systeme

Elsbeth Ball, Carmelo Campanello, Christina Kohli

Die Kinder und Jugendlichen, welche wir in unseren Arbeitskontexten antreffen, haben oft schon sehr vieles (üb)erlebt. Nicht wenige leiden an komplexen Traumafolgestörungen.
Ihre irritierenden bis zerstörerischen Verhaltensweisen machen es uns oft nicht einfach, sie zu verstehen, wir laufen Gefahr, uns durch sie fehlleiten zu lassen.
Eine stärkere Fokussierung auf die primären Beziehungserfahrungen dieser Kinder und Jugendlichen ermöglicht es, die irritierenden Verhaltensweisen als überlebenswichtige Anpassungsleistungen zu erkennen und entsprechend auch pädagogische Interventionen abzuleiten. Entsprechend wichtig ist es, die gewonnenen Erkenntnisse auch den künftigen Bezugspersonen der Kinder und Jugendlichen zur Verfügung zu stellen.
In diesem Workshop wird in einem ersten Schritt anhand von Fallbeispielen eine bindungsfokussierte, traumasensible Fallsupervisionsmethodik vorgestellt. In einem zweiten Schritt dann der Doppelte Rahmen 2.0, ein Modell für die Zusammenarbeit von Fachleuten der Kinder- & Jugendhilfe. Dieses ist darauf ausgerichtet, gemeinsam nachhaltige Kooperationen und Perspektiven mit sehr anspruchsvollen Klienten und Familiensystemen zu entwickeln.

Literatur
Gahleitner, S. (2020). Professionelle Beziehungsgestaltung in der psychosozialen Arbeit und Beratung. Tübingen: dgvt-Verlag.
Doppelter Rahmen 2.0
https://www.burghof.org/media/integras_doppelter_rahmen_2.0_fuer_systemspre

Sa 11:00 - 12:30

Vortrag: Die neue ICD-11: Impulse für Diagnostik und Behandlung

Andreas Maercker

Am 1. Januar 2022 tritt offiziell die ICD-11 in Kraft und damit auch das neue Kapitel zu "Spezifischen belastungsbezogenen Störungen", zu denen die klassische und die komplexe PTBS, die Anhaltende Trauerstörung und die neuformulierte Anpassungsstörung gehört. In den deutschsprachigen Ländern wird 2022 allerdings noch nicht die Codierungspflicht mit dem ICD-11 eingeführt, sondern zu einem späteren Zeitpunkt. Als State-of-the-Art, insbesondere im Gutachtenbereich, sind die neuen Diagnosen allerdings jetzt schon aktuell.
Mein Überblicksvortrag widmet sich den neuen Entwicklungen in der Diagnostik, der Beschreibung der jeweiligen Pathoätiologien bzw. Störungsmodelle sowie der Impulse für die Behandlung und das klinische Management. In vielen europäischen Ländern arbeiteten Arbeitsgruppen intensiv in der Einführung der ICD-11 Diagnosen und ihrer Validitätsuntersuchungen. Dazu gibt es interessante Entwicklungen in anderen Weltregionen und bei Geflüchteten, z.B. zur Anhaltenden Trauerstörung.
Abschliessend gehe ich auf offene Probleme ein, wie die Unterschiede zum DSM-5-System und die Überlappungen der Diagnosen beispielsweise mit den dissoziativen Störungen und der Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Sa 11:00 - 12:30

Workshop: RECHARGE: ein psychologisches Kurzprogramm für Gesundheitsfachpersonen

Naser Morina

Gesundheitsfachpersonen stehen unter einer hohen Arbeitsbelastung. Damit können zusätzliche Stressoren wie Teamkonflikte, schwierige Behandlungssituationen, eine einseitige Work-Life-Balance oder familiäre Sorgen einhergehen. Auch die gegenwärtige SARS-CoV-2-Pandemie und die damit verbundenen Massnahmen stellen teilweise eine grosse Herausforderung dar. All dies kann sich negativ auf das Wohlbefinden, die Arbeitszufriedenheit und das Familienleben auswirken.
Im Rahmen des Workshops wird eine vom Universitätsspital Zürich und der Universität Zürich evaluierte Kurzintervention – RECHARGE – zur Bewältigung von Stress bei Gesundheitsfachpersonen, präsentiert. RECHARGE ist eine u.a. auf COVID-19 ausgerichtete, an Gesundheitsfachpersonen angepasste Stressintervention der WHO. Die Intervention ist ein evidenzbasiertes kurzes, flexibles, leicht skalierbares, vollständig online verfügbares psychologisches Programm, bestehend aus 4 Sitzungen à 60 Minuten. Das Ziel von RECHARGE ist das Erlernen effektiver Strategien des Stressmanagements, ein optimaler Umgang mit emotionalen und praktischen Herausforderungen im beruflichen und privaten Alltag und dadurch eine Steigerung der Resilienz.
Im Workshop werden erste Ergebnisse des durchgeführten RCT mit 160 Gesundheitsfachpersonen präsentiert. Die RECHARGE-Teilnehmer zeigen nach der Intervention zu allen Zeitpunkten signifikant weniger Symptome und können besser mit der Arbeitsbelastung umgehen. Anschliessend werden die psychologische Intervention RECHARGE und die einzelnen Strategien (Stressmanagement, Umgang mit Sorgen, sinnvolle Aktivitäten) beschrieben und deren praktische Anwendung mit den Teilnehmern geübt. 

Sa 11:00 - 12:30
20 max

Workshop: Einflussnahme des Dritten Raumes auf Beziehungs- und Prozessgestaltung in der Kunsttherapie

Judith Zink

Für die therapeutische Arbeit mit traumatisierten Menschen erweist sich der Einbezug des sogenannt dritten Raumes, welcher auf Bild- Werk und Imaginationsebene als Projektionsfläche für verschiedenste Aspekte dient, als besonders unterstützend. Der Einbezug dieses dritten Raumes entlastet die zwischenmenschliche Beziehung. Die kunsttherapeutische Arbeit im dritten Raum ermöglicht, mit Abgespaltenem in Kontakt zu kommen, Neues zu wagen und Selbstwirksamkeit zu erleben.
Es wurde versucht, die verschiedenen Qualitäten des Zugangs zu kreativen Ressourcen, Beziehungs- und Verhaltensweisen im dritten Raum in sechs herausgearbeitete "Gestaltungscharakteren" einzuteilen. Das Ziel ist, Orientierungshilfe für kunsttherapeutische Prozesse und konkrete Einblicke in der praktischen Umsetzung zu geben.
Die Perfektionisten
Die Gruppe der Perfektionisten kompensiert ihr niedriges Selbstwertgefühl mit hohem Leistungsanspruch. Die auf Perfektion ausgerichteten Vorstellungen kommen auf verschiedenen Ebenen zum Ausdruck.
Die Grenzenlosen/sich Verlierenden
In den Bildern der Grenzenlosen zeigen sich charakteristische Gestaltungs- und Ausdrucksweisen. Diese Menschen brauchen Präsenz und Kontrolle unterstützenden Rahmen, sowie Struktur und Orientierung gebende gestalterische Techniken.
Die Hyperaktiven
Die Angst vor Gefühlen und Leere erschweren den Hyperaktiven Vertiefung und Hingabe. Verschiedene gestalterische Interventionen ermöglichen den Betroffenen, Freude am künstlerischen Schaffen zu entwickeln.
Die Blockierten
Die Gruppe der Blockierten hat wenig Zugang zu Emotionen und Bedürfnissen. Die Balance zwischen Förderung der Selbstakzeptanz und dem Initiieren von Schritten ins Vermeidungsland sind hier zentral.
Die Autonomen
Die Überlebensstrategie der Autonomen ist Vermeidung von Abhängigkeit und Schwäche. Es zeigen sich Unverbindlichkeit, Misstrauen und ein starkes Unabhängigkeitsstreben.
Die Angepassten
Bei dieser Gruppe ist die Ausrichtung auf das Wohl der anderen auf Kosten des Selbstkontaktes, das Wahrnehmen eigener Grenzen und Willensimpulse. Spannungen im Raum können zu Auslösern für Schuldgefühle, Anspannung und Dissoziation führen.

Literatur
Peter Sinapius, Annika Niemann: Das Dritte in Kunst und Therapie, Peter Lang Verlag, 2011
Luise Reddemann, Imagination als heilsame Kraft, Klett Verlag, sechste Auflage, 2002
Von Spreti, Martius, Förstl: Kunsttherapie bei psychischen Störungen, Urban und Fischer Verlag, zweite Auflage, 2012

Sa 11:00 - 12:30
15 max

13:15 - 14:00 Postersession

Keine Workshops in dieser Sitzung.

14:15 - 15:45 Symposien 4 / Workshops / Vorträge

Vortrag: Historische Traumata: Definitionen, Forschungen und Anwendungen zu einer neuen Konzeption

Andreas Maercker

Hintergrund: Um das Jahr 2000 wurde das Konzept des «Historischen Traumas» von der indigenen Sozialwissenschaftlerin Yellow Horse Brave Heart geprägt. Nach ihrer Definition sind «historische Traumata» kollektiv erlebte Ereignisse mit Tod(esdrohungen), Gräueltaten und Verfolgung, bei denen die Betroffenen oder deren Folgegenerationen unter struktureller Benachteiligung, Ausgrenzung und Rassismus leiden und die sich in psychosozialen Phänomenen wie Vertrauensverlust, Verbitterung, Substanzmissbrauch und Gewalt niederschlagen. Es gibt bisher keine vergleichende Untersuchung zu diesem Konzept über verschiedene länger oder kürzer zurückliegende historische Traumata des 19. und 20. Jahrhunderts.

Methode: Im Rahmen meines Buchprojekts zum Thema untersuche ich die amerikanische Indigene, Holocaust-Nachfolgegenerationen, Black Americans, ruandische und kambodschanische Genozid-Überlebende, Opfer Stalinistischer Repression, italienische Mafiaopfer anhand von Forschungsbefunden und klinischen Beschreibungen.

Ergebnisse: Manche psychosoziale Phänomene finden sich übergreifend, wie der Vertrauensverlust. Andere sind eher spezifisch, wie z.B. die transgenerationale Weitergabe von «Überlebensbotschaften». Im Bereich von Therapie-programmen gibt es vereinzelte gemeinschaftsbasierten Interventionen, in denen Jugendlichen eine positive Gruppenidentität und sozialökonomische Kompetenzen sowie allen Altersgruppen narrative Kompetenzen und Empowerment vermittelt werden.

Schlussfolgerung: Mein Vortrag soll Anregungen vermitteln, wie die in indigenen und gesellschaftlichen ausgegrenzten Gruppen gewonnenen Einsichten und Kenntnisse für die Weiterentwicklung der Psychotraumatologie genutzt werden können.

Sa 14:15 - 15:45

Workshop: Kurztherapie für PatientInnen nach Suizidversuch aus einer Traumaperspektive

Anja Gysin-Maillart

Viele Menschen mit Traumatisierungen in ihrer Lebensgeschichte berichten von suizidalem Erleben und Verhalten. Nach einem Suizidversuch ist das Risiko für einen späteren Suizid um ein Vielfaches erhöht. Die Behandlung kann dabei herausfordernd sein. Dies weil sich viele Behandler:Innen mit der Komplexität des Störungsbildes überfordert fühlen. Das Attempted Suicide Short Intervention Program (ASSIP) ist eine Kurztherapie für Patient:innen nach Suizidversuch. Es vereint Aspekte der kognitiven Verhaltenstherapie, der Bindungs- und der Handlungstheorie. In einer 24-monatigen randomisierten kontrollierten Verlaufsstudie konnte gezeigt werden, dass ASSIP das Risiko für suizidale Handlungen um annähernd 80 % verringert. Innerhalb 3-4 Sitzungen werden die Hintergründe der suizidalen Krise geklärt, wichtige individuelle Warnzeichen und ein persönlicher Krisenplan für den Fall einer erneuten suizidalen Krise erarbeitet. Dabei wird eine tragende therapeutische Beziehung, als wichtigster präventiver Faktor, aufgebaut und durch ein anhaltendes Briefangebot aufrechterhalten.

In diesem Workshop werden die wichtigsten theoretischen Konzepte von ASSIP aus einer Traumaperspektive vorgestellt. Weiter wird den Workshop-Teilnehmer:innen anhand von kurzen Videobeispielen, Rollenspielen und Fallbeispielen, einschließlich Elementen der aktiven Beteiligung, ein Überblick über die einzelnen Elemente der ASSIP Kurztherapie vermittelt.

Sa 14:15 - 15:45
30 max

Vortrag: Development of (early) interventions to tackle intrusive memories and posttraumatic stress disorder following childbirth

Antje Horsch

Approximately one third of women perceive their childbirth as traumatic and some may as a consequence develop childbirth-related posttraumatic stress disorder (CB-PTSD). In community samples, CB-PTSD affects between 3–4 % of women after birth and around 16–19 % of women in high-risk groups, e.g., emergency cesarean section. Intrusive traumatic memories are repeated, involuntary and distressing sensory-perceptual fragments of a trauma memory. They are a core symptom of PTSD, as they drive other PTSD symptoms and prevent the normative decay of trauma memories. Targeting them may thus be an effective strategy to tackle PTSD symptoms. Evidence-based (early) interventions to reduce maternal intrusive traumatic memories to prevent the development of CB-PTSD, and thus the transfer of trauma-related consequences onto the future generation are lacking. Furthermore, currently available treatments for established CB-PTSD, such as exposure therapy, do not necessarily prevent the return of the trauma-linked fear response. Indeed, extinction is thought to produce a new memory trace inhibiting the original fear memory, which still exists and can thus resurface. This talk will describe some innovative theory-driven approaches assumed to directly target the original maladaptive memories, based on memory consolidation and reconsolidation processes. Results from several translational clinical studies from our lab testing a single-session behavioural intervention to reduce childbirth-related intrusive traumatic memories and in turn either prevent CB-PTSD symptoms or reduce established CB-PTSD symptoms will be shown. They represent potential first steps in the development of a brief, single-session, (early) intervention for CB-PTSD.

Sa 14:15 - 15:45

Workshop: Methoden zur bindungsfokussierten Fallsupervision für traumatisierte Kinder, Jugendliche wie auch belastete Systeme

Elsbeth Ball, Carmelo Campanello, Christina Kohli

Die Kinder und Jugendlichen, welche wir in unseren Arbeitskontexten antreffen, haben oft schon sehr vieles (üb)erlebt. Nicht wenige leiden an komplexen Traumafolgestörungen.
Ihre irritierenden bis zerstörerischen Verhaltensweisen machen es uns oft nicht einfach, sie zu verstehen, wir laufen Gefahr, uns durch sie fehlleiten zu lassen.
Eine stärkere Fokussierung auf die primären Beziehungserfahrungen dieser Kinder und Jugendlichen ermöglicht es, die irritierenden Verhaltensweisen als überlebenswichtige Anpassungsleistungen zu erkennen und entsprechend auch pädagogische Interventionen abzuleiten. Entsprechend wichtig ist es, die gewonnenen Erkenntnisse auch den künftigen Bezugspersonen der Kinder und Jugendlichen zur Verfügung zu stellen.
In diesem Workshop wird in einem ersten Schritt anhand von Fallbeispielen eine bindungsfokussierte, traumasensible Fallsupervisionsmethodik vorgestellt. In einem zweiten Schritt dann der Doppelte Rahmen 2.0, ein Modell für die Zusammenarbeit von Fachleuten der Kinder- & Jugendhilfe. Dieses ist darauf ausgerichtet, gemeinsam nachhaltige Kooperationen und Perspektiven mit sehr anspruchsvollen Klienten und Familiensystemen zu entwickeln.

Literatur
Gahleitner, S. (2020). Professionelle Beziehungsgestaltung in der psychosozialen Arbeit und Beratung. Tübingen: dgvt-Verlag.
Doppelter Rahmen 2.0
https://www.burghof.org/media/integras_doppelter_rahmen_2.0_fuer_systemsprengerinnen_2021.pdf

Sa 14:15 - 15:45

Workshop: Einflussnahme des Dritten Raumes auf Beziehungs- und Prozessgestaltung in der Kunsttherapie

Judith Zink

Für die therapeutische Arbeit mit traumatisierten Menschen erweist sich der Einbezug des sogenannt dritten Raumes, welcher auf Bild- Werk und Imaginationsebene als Projektionsfläche für verschiedenste Aspekte dient, als besonders unterstützend. Der Einbezug dieses dritten Raumes entlastet die zwischenmenschliche Beziehung. Die kunsttherapeutische Arbeit im dritten Raum ermöglicht, mit Abgespaltenem in Kontakt zu kommen, Neues zu wagen und Selbstwirksamkeit zu erleben.
Es wurde versucht, die verschiedenen Qualitäten des Zugangs zu kreativen Ressourcen, Beziehungs- und Verhaltensweisen im dritten Raum in sechs herausgearbeitete "Gestaltungscharakteren" einzuteilen. Das Ziel ist, Orientierungshilfe für kunsttherapeutische Prozesse und konkrete Einblicke in der praktischen Umsetzung zu geben.
Die Perfektionisten
Die Gruppe der Perfektionisten kompensiert ihr niedriges Selbstwertgefühl mit hohem Leistungsanspruch. Die auf Perfektion ausgerichteten Vorstellungen kommen auf verschiedenen Ebenen zum Ausdruck.
Die Grenzenlosen/sich Verlierenden
In den Bildern der Grenzenlosen zeigen sich charakteristische Gestaltungs- und Ausdrucksweisen. Diese Menschen brauchen Präsenz und Kontrolle unterstützenden Rahmen, sowie Struktur und Orientierung gebende gestalterische Techniken.
Die Hyperaktiven
Die Angst vor Gefühlen und Leere erschweren den Hyperaktiven Vertiefung und Hingabe. Verschiedene gestalterische Interventionen ermöglichen den Betroffenen, Freude am künstlerischen Schaffen zu entwickeln.
Die Blockierten
Die Gruppe der Blockierten hat wenig Zugang zu Emotionen und Bedürfnissen. Die Balance zwischen Förderung der Selbstakzeptanz und dem Initiieren von Schritten ins Vermeidungsland sind hier zentral.
Die Autonomen
Die Überlebensstrategie der Autonomen ist Vermeidung von Abhängigkeit und Schwäche. Es zeigen sich Unverbindlichkeit, Misstrauen und ein starkes Unabhängigkeitsstreben.
Die Angepassten
Bei dieser Gruppe ist die Ausrichtung auf das Wohl der anderen auf Kosten des Selbstkontaktes, das Wahrnehmen eigener Grenzen und Willensimpulse. Spannungen im Raum können zu Auslösern für Schuldgefühle, Anspannung und Dissoziation führen.

Literatur
LiteraturPeter Sinapius, Annika Niemann: Das Dritte in Kunst und Therapie, Peter Lang Verlag, 2011
Luise Reddemann, Imagination als heilsame Kraft, Klett Verlag, sechste Auflage, 2002
Von Spreti, Martius, Förstl: Kunsttherapie bei psychischen Störungen, Urban und Fischer Verlag, zweite Auflage, 2012

Sa 14:15 - 15:45
15 max

16:00 - 16:45 Vorträge, Keynote Speaker

Titel folgt

Tanzeem Choudhury

Abstract folgt

Sa 16:00 - 16:45

16:45 - 17:00 Tagungsabschluss

Keine Workshops in dieser Sitzung.