Archive

Öffentlicher Abendvortrag

Wir freuen uns, dass wir José Brunner, Professor Emeritus an der Buchmann Fakultät für Rechtswissenschaft und dem Cohn Institut für Wissenschaftsgeschichte und -philosophie der Universität Tel Aviv für den öffentlichen Vortrag gewinnen konnten.

Die Geopolitik des Traumas

Üblicherweise entsteht psychologisches Wissen an drei Orten: im Labor, in der Therapie und in Befragungen. Der historische Ursprung des Wissens vom Trauma ist hingegen vor allem dort zu finden, wo Verantwortung für Gewalt verhandelt wird. Der Grund dafür ist, dass im Unterschied zu anderen psychischen Störungen, posttraumatische Störungen vor allem durch äußere Gewalteinwirkungen verursacht werden.
Im Westen ist dieser Ort primär das Gericht, weil das westliche Wissen über das Trauma an ein Verständnis von Gewalt gebunden ist, in dem diese als ein Ereignis, d.h. als vorübergehendes Phänomen, erscheint, das vor allem Individuen betrifft. So bilden Gerichtsgutachten einen wichtigen Ursprung unseres Trauma-Wissens. Expertisen dieser Art werden allerdings immer erst nachträglich geschrieben – eben zum Posttrauma – und da sie der einen oder anderen Seite zu Vorteilen verhelfen können, sind sie immer mit Verdacht besetzt.
Seit einem halben Jahrhundert entwickelt sich außerhalb des Westens, z.B. in Lateinamerika, Südafrika und im Nahen Osten, ein vom westlichen divergierendes Trauma-Wissen. Dieses will langfristigen kollektiven Gewaltverhältnissen, wie unlösbare ethnische Konflikte, brutale Diktaturen und blutige Bürgerkriege sie mit sich bringen, Rechnung tragen. Es wird von Fachleuten entwickelt, die selbst dem Dauerzustand traumatisierender Gewalt ausgesetzt sind und, da ihre Gesellschaft im engeren Sinn des Wortes kein Posttrauma kennt, die psychischen Folgen permanenter Gewalt zugleich als Betroffene und Wissenschaftler zu konzeptualisieren versuchen. So entsteht Trauma-Wissen außerhalb des Westens an weiteren Orten, an denen Verantwortung für Gewalt verhandelt wird: unter Besatzung, im Versteck, in Flüchtlingslagern und in Wahrheitskommissionen.
Wie wir sehen werden, beeinflusst der Ort, an dem ein Wissen entsteht, seine Form, seinen Inhalt und seine Anwendungsmöglichkeiten. Die  geopolitische Verankerung der Trauma-Erfahrung, der Trauma-Opfer, der Trauma-Experten und des Trauma-Wissens bewirkt auch, dass Fragen der Verantwortung, Anerkennung und Gerechtigkeit, wie auch des sozialen Status der Betroffenen zum Kern der Traumatologie gehören. So lassen sich gesellschaftliche, politische und juristische Aspekte nicht von den wissenschaftlichen und therapeutischen Dimensionen einer psychologischen Wissensform trennen, die trotz ihres universellen Anspruchs immer eine deutlich erkennbare lokale Prägung aufweist.