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Sichere Übergänge gestalten – aktuelle traumapädagogische Entwicklungen in verschiedenen psychosozialen Handlungsfeldern

Dieses Symposium berichtet in vier praxisnahen Vorträgen über die aktuelle Entwicklung in verschiedenen Anwendungsgebieten der Traumapädagogik. Das Spektrum reicht von der frühen Kindheit bis zu den Care Leavern. Die vier Vorträge verbindet über die Handlungsfelder hinweg eine traumasensible, partizipative Haltung, sowie eine Erweiterung des Verständnisses des sicheren Ortes, weil sich alle Projekte damit beschäftigen, wie man Übergänge in der professionellen Begleitung von traumatisierten Menschen sicher gestalten kann und ihnen ein Ankommen und Weitergehen ermöglichen kann.
Ein Konzept berichtet über die Entwicklung einer Testbatterie zur Verlaufsdokumentation in Kinderheimen von 0-8 Jahren (Gärtner & Wallnöfer ZH). Ziel dieser Testbatterie ist es, insbesondere die behördlichen Entscheidungen zu beschleunigen und zu objektivieren. Besonderer Wert wird auf transgenerationale Aspekte bezüglich des Zusammenhanges von traumatischen Erfahrungen und der Eltern-Kind Interaktion gelegt.  
In einem ersten Vortrag werden Mutter-Kind Interventionen einer kinder- und jugendpsychiatrischen/-psychotherapeutischen Liaison im Rahmen einer stationären Krisenintervention in einem Frauenhaus vorgestellt. Dieses Angebot zielt darauf, eine Spielgruppe mit Müttern und Kindern zu gestalten, um Resilienzfaktoren spezifisch zu fördern und über ein gemeinsames Kennenlernen niederschwellige kinder- und jugendpsychiatrische/-psychotherapeutische Abklärungsmöglichkeiten anzubieten. Zusätzlich findet eine traumapädagogische Supervision der sozialpädagogischen Fachkräfte im Frauenhaus statt.

Lucas Maissen stellt in einem Vortrag Überlegungen zur Anwendung von traumapädagogischen Konzepten in der stationären Krisenintervention vor. Besonderer Wert wird auf die akute Belastung der Jugendlichen und die Besonderheiten des Kurzzeitsettings gelegt.  Die Bedeutung von sicheren Übergängen – welche besondere Anforderungen an eine transparente, partizipative und sensible Haltung stellen.   

Marc Schmid stellt Ergebnisse aus der JAEL Längsschnittstudie vor, die einmal mehr belegen welche fatalen Auswirkungen Beziehungsabbrüche auf den weiteren Lebensweg und die psychische Gesundheit haben. Traumatische Erfahrungen und psychische Belastung sind gleichzeitig einer der Auslöser und die Folge von Abbrüchen, womit sich ein Teufelskreis schliesst.  

Manuela Gärtner (ZH),  Petra Wallnöfer, &  Marc Schmid: Traumapädagogische Abklärung und Verlaufsdokumentation in Frühbereichsheimen

Bettina Breymaier und Team: Resilience play: Resilienzförderung für Mütter und Kinder im Frauenhaus

Lucas Maissen und Team Sichere Orte auf Zeit – Traumapädagogik im Übergangssetting

Marc Schmid plus JAEL Team: Vicious Circles – Beziehungsabbrüche und psychische Belastung – Ergebnisse der JAEL Längsschnittstudie   

Einflussnahme des Dritten Raumes auf Beziehungs- und Prozessgestaltung in der Kunsttherapie

Für die therapeutische Arbeit mit traumatisierten Menschen erweist sich der Einbezug des sogenannt dritten Raumes, welcher auf Bild- Werk und Imaginationsebene als Projektionsfläche für verschiedenste Aspekte dient, als besonders unterstützend. Der Einbezug dieses dritten Raumes entlastet die zwischenmenschliche Beziehung. Die kunsttherapeutische Arbeit im dritten Raum ermöglicht, mit Abgespaltenem in Kontakt zu kommen, Neues zu wagen und Selbstwirksamkeit zu erleben.
Die verschiedenen Qualitäten des Zugangs zu kreativen Ressourcen, Beziehungs- und Verhaltensweisen im dritten Raum werden mittels sechs herausgearbeiteten Typen charakterisiert und im Workshop dargestellt.  
Die Perfektionisten
Die Gruppe der Perfektionisten kompensiert ihr niedriges Selbstwertgefühl mit hohem Leistungsanspruch. Die auf Perfektion ausgerichteten Vorstellungen kommen auf verschiedenen Ebenen zum Ausdruck.
 Die Grenzenlosen/sich Verlierenden
In den Bildern der Grenzenlosen zeigen sich charakteristische Gestaltungs- und Ausdrucksweisen. Diese Menschen brauchen Präsenz und Kontrolle unterstützende Rahmen, – Struktur und Orientierung gebende Techniken.
Die Hyperaktiven
Die Angst vor Gefühlen und Leere erschweren den Hyperaktiven Vertiefung und Hingabe. Verschiedene gestalterische Interventionen ermöglichen den Betroffenen, Freude am künstlerischen Schaffen zu entwickeln.
Die Blockierten
Die Gruppe der Blockierten nehmen Gefühle und Emotionen reduziert wahr. Die Balance zwischen Förderung der Selbstakzeptanz und  Impulsieren von Schritten ins Vermeidungsland sind  zentral.
Die Autonomen
Die Überlebensstrategie der Autonomen ist Vermeidung von Abhängigkeit und Schwäche. Es zeigen sich Unverbindlichkeit, Misstrauen und ein starkes Autonomiebedürfnis.
Die Angepassten
Bei den Angepassten geht die Ausrichtung auf das Wohl der anderen auf Kosten des Selbstkontaktes, das Wahrnehmen eigener Grenzen und Willensimpulse.  Spannungen im Raum können zu Auslösern für Schuldgefühle, Anspannung und Dissoziation führen.

Literatur: Peter Sinapius, Annika Niemann: Das Dritte in Kunst und Therapie, Peter Lang Verlag, 2011
Luise Reddemann, Imagination als heilsame Kraft, Klett Verlag, sechste Auflage, 2002
Von Spreti, Martius, Förstl: Kunsttherapie bei psychischen Störungen, Urban und Fischer Verlag, zweite Auflage, 2012

RECHARGE: ein psychologisches Kurzprogramm für Gesundheitsfachpersonen

Gesundheitsfachpersonen stehen unter einer hohen Arbeitsbelastung. Damit können zusätzliche Stressoren wie Teamkonflikte, schwierige Behandlungssituationen, eine einseitige Work-Life-Balance oder familiäre Sorgen einhergehen. Auch die gegenwärtige SARS-CoV-2-Pandemie und die damit verbundenen Massnahmen stellen teilweise eine grosse Herausforderung dar. All dies kann sich negativ auf das Wohlbefinden, die Arbeitszufriedenheit und das Familienleben auswirken.
Im Rahmen des Workshops wird eine vom Universitätsspital Zürich und der Universität Zürich evaluierte Kurzintervention – RECHARGE – zur Bewältigung von Stress bei Gesundheitsfachpersonen, präsentiert. RECHARGE ist eine u.a. auf COVID-19 ausgerichtete, an Gesundheitsfachpersonen angepasste Stressintervention der WHO. Die Intervention ist ein evidenzbasiertes kurzes, flexibles, leicht skalierbares, vollständig online verfügbares psychologisches Programm, bestehend aus 4 Sitzungen à 60 Minuten. Das Ziel von RECHARGE ist das Erlernen effektiver Strategien des Stressmanagements, ein optimaler Umgang mit emotionalen und praktischen Herausforderungen im beruflichen und privaten Alltag und dadurch eine Steigerung der Resilienz.
Im Workshop werden erste Ergebnisse des durchgeführten RCT mit 160 Gesundheitsfachpersonen präsentiert. Die RECHARGE-Teilnehmer zeigen nach der Intervention zu allen Zeitpunkten signifikant weniger Symptome und können besser mit der Arbeitsbelastung umgehen. Anschliessend werden die psychologische Intervention RECHARGE und die einzelnen Strategien (Stressmanagement, Umgang mit Sorgen, sinnvolle Aktivitäten) beschrieben und deren praktische Anwendung mit den Teilnehmern geübt. 

Die neue ICD-11: Impulse für Diagnostik und Behandlung

Am 1. Januar 2022 tritt offiziell die ICD-11 in Kraft und damit auch das neue Kapitel zu „Spezifischen belastungsbezogenen Störungen“, zu denen die klassische und die komplexe PTBS, die Anhaltende Trauerstörung und die neuformulierte Anpassungsstörung gehört. In den deutschsprachigen Ländern wird 2022 allerdings noch nicht die Codierungspflicht mit dem ICD-11 eingeführt, sondern zu einem späteren Zeitpunkt. Als State-of-the-Art, insbesondere im Gutachtenbereich, sind die neuen Diagnosen allerdings jetzt schon aktuell.
Mein Überblicksvortrag widmet sich den neuen Entwicklungen in der Diagnostik, der Beschreibung der jeweiligen Pathoätiologien bzw. Störungsmodelle sowie der Impulse für die Behandlung und das klinische Management. In vielen europäischen Ländern arbeiteten Arbeitsgruppen intensiv in der Einführung der ICD-11 Diagnosen und ihrer Validitätsuntersuchungen. Dazu gibt es interessante Entwicklungen in anderen Weltregionen und bei Geflüchteten, z.B. zur Anhaltenden Trauerstörung.
Abschliessend gehe ich auf offene Probleme ein, wie die Unterschiede zum DSM-5-System und die Überlappungen der Diagnosen beispielsweise mit den dissoziativen Störungen und der Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Wenn auf einmal alles anders ist

Immer wieder sind Familien mit Herausforderungen und Unvorhergesehenem konfrontiert. Ihre Möglichkeiten darauf zu reagieren, haben einen grossen Einfluss auf die Lebensqualität der einzelnen Mitglieder. Traumatische Ereignisse beeinflussen die Interaktionen zwischen Eltern und Kindern in besonderem Masse. Diese können entwicklungsfördernd sein oder aber auch gegenteilige Auswirkungen haben.
Entsprechend wichtig ist es, dass die Eltern eng in die Behandlung miteinbezogen werden, nachdem das Kind ein traumatisches Ereignis erlebt hat. Ebenso soll unbedingt auch ihren in der Folge entstandenen Belastungen Beachtung geschenkt werden. Posttraumatische psychische Störungen bei den Eltern gelten als Risikofaktor für Traumafolgestörungen bei den Kindern (1). Bereits bei sehr jungen Kindern zeigt sich, wie wichtig es ist, die Eltern mit Wissen zu ihrer Unterstützung aber auch mit Hilfestellungen zum Umgang mit dem eigenen Stress zu versorgen (2).
Ebenso zentral ist bei schweren körperlichen Erkrankungen eines Elternteils die Beratung und ggf. therapeutische Begleitung auch der Kinder. So können negative Langzeitfolgen reduziert und die Familie im Umgang mit der Krankheit und deren Auswirkungen unterstützt werden.
Neben den Erläuterungen zu den oben genannten Themen, ausgehend vom klinischen Alltag der Referentin, wird auch auf Materialien und internetbasierte Unterstützung hingewiesen. Als besonders hilfreich hat sich in der Praxis die Webseite und gleichnamige Smartphone App KidTrauma (3) erwiesen, welche Forschende der Universität Zürich und des Kinderspitals Zürich unter der Leitung von Prof. Dr. M. Landolt entwickelt haben.

Quellen: (1) Spell, A. W., Kelley, M. L., Wang, J., Self-Brown, S., Davidson, K. L., Pellegrin, A., Palcic, J. L., Meyer, K., Paasch, V.  Baumeister, A. (2008). The moderating effects of maternal psychopathology on children’s adjustment post-Hurricane Katrina. Journal of Clinical Child and Adolescent Psychology, 37, 553-63.
(2) Haag, A. C., Landolt, M. A., Kenardy, J. A., Schiestl, C. M., Kimble, R. M., De Young, A.C. (2020). Preventive intervention for trauma reactions in young injured children: results of a multi-site randomised controlled trial. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 61(9), 988-97.
(3) www.kidtrauma.com